Artikel in der F.A.Z. vom 04.09.2015

Im Vorbeifahren wahrgenommen
Verdichtung und Abstraktion: Arbeiten von Jürgen Schön in der Galerie Friedrich Müller

Einfach macht es einem diese Kunst nicht. Schlichte, betongraue und meist geometrisch inspirierte Formen kennzeichnen das plastische Werk von Jürgen Schön, reduzierte Zeichnungen, gewitterwolkenfarben oder schiefergrau. Die aktuelle Schau des 1956 in Riesa geborenen Bildhauers in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller nimmt sich zunächst reichlich spröde aus. Bis man das eben erst im Zug von Dresden nach Frankfurt entstandene Skizzenbuch entdeckt. Und mit einem Mal Schöns Blätter und Objekte mit ganz anderen Augen sieht.

Dabei sind die stillen, wesentlich von innerer Spannung getragenen Wandobjekte aus Papiermaché durchaus von großem Reiz. Zwar geht es Schön stets auch um genuin skulpturale Fragen, um leicht und schwer etwa, Dichte und Material, Stabilität und Fragilität, Struktur und Oberfläche. Vor allem aber ist es ihm um die Schaffung einer intensiven, meditativ zu nennenden Atmosphäre zu tun. Dabei leben die Objekte gerade wie die Zeichnungen vom Neben- und Miteinander eines klaren, konstruktiven Vokabulars hier, freier, sichtlich handgemachter, die Spur des Pinsels, die Struktur, das Handgeschöpfte des Papiers keineswegs verleugnender Form dort. Und das genügte schon, die Schau überzeugend zu tragen.

Das aktuelle Skizzenbuch aber verändert die Perspektive. Zwar mag man wissen, dass Schön eigentlich von der Steinbildhauerei und durchaus stattlichen Formaten kommt. Auch die vornehmlich der japanischen Kunst verpflichtete Galerie Friedrich Müller, die ihn seit bald 20 Jahren vertritt, zählt noch den einen oder anderen seiner frühen Steine zur hauseigenen Sammlung. Die ungeheure Verdichtung und der Abstraktionsgrad seines Werks aber offenbaren sich erst angesichts der in den vier, fünf Stunden einer Bahnfahrt quer durch Deutschland entstandenen Skizzen in bescheidenem Format.

Meist sind es flüchtig und buchstäblich im Vorbeifahren wahrgenommene Bilder, architektonische Großformen etwa, Strukturen und Details, aus denen er sein Vokabular herauslöst wie aus einem Steinblock. Immer reduzierter sind Schöns Arbeiten über die Jahre geworden, die Formen schlichter zunächst, konzentrierter auch, und schließlich hat er selbst in den Papierarbeiten ganz auf die Farbe verzichtet. Als gelte es, alles Dekorative, allen Zierrat, kurzum alles, was vom Wesentlichen der verdichteten Form ablenkt, kompromisslos abzuschlagen. Selbst darauf, seine Werke zu betiteln, hat der Künstler vor Jahren schon verzichtet. "Objekt" und "Zeichnung" sind seine Arbeiten seither ausnahmslos benannt. Und damit so präzise wie in höchstem Maße lapidar umschrieben.

Christoph Schütte


F.A.Z., 04.09.2015, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 34
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