Artikel in der F.A.Z. vom 17.09.2015

Meditationen
Loebermanns Zeichnungen

„Wenn jemand eine Reise tut / So kann er was verzählen.“ Das weiß der Volksmund spätestens seit Matthias Claudius, von dem diese Verse stammen. Und die Kunst weiß es wenigstens seit der Romantik auch. Dass auch die Zeichnungen Matthias Loebermanns, dessen aktuelle Arbeiten in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller zu sehen sind, dem Reisen in fremde Länder, dem Erkunden unbekannter Landschaften und Kulturen viel verdanken, mochte man schon vor Jahresfrist an gleicher Stelle entdecken, als der bei K. R. H. Sonderborg in Stuttgart ausgebildete Künstler sich im Rahmen einer Gruppenschau erstmals in Frankfurt vorstellte.

Und schon damals, angesichts der im Zuge einer Island-Reise entstandenen Blätter, war es zunächst die Technik, waren es die sichtliche, ja nachgerade spürbare Versenkung in und das Vertrauen auf den Prozess, die beim Betrachter einen nachhaltigen Eindruck hinterließen. Jetzt freilich, vor den gleich vier aktuellen unter dem Eindruck einer längeren Japan-Reise entstandenen Grafikfolgen, scheinen Form und Inhalt einander mehr denn je adäquat. Dabei könnten die Themen, die je im Zentrum der einzelnen Werkgruppen stehen, unterschiedlicher nicht sein.

Da sind zum einen die Blätter der Ryoanji-Folge in großem Format, die auf den gleichnamigen Steingarten in Kyoto Bezug nehmen, zum anderen die im engeren Sinne landschaftlichen, ihrerseits durch eine hochpoetische Reisebeschreibung des Dichters Bashô aus dem frühen 18. Jahrhundert angeregten Motive. Da gibt es die auf Hiroshima geradeso wie auf die Katastrophe von Fukushima verweisenden Arbeiten der Serie „Schwarzer Regen“ und die regelrecht intimen Blätter zu den Haikus berühmter Meister wie Buson, Taigi oder abermals Bashô.

Dabei vermeiden die in Eisengrund auf Papier ausgeführten Zeichnungen ganz selbstverständlich jedweden illustrierenden Charakter. Und auch die Landschaftsschilderung im traditionellen Sinn ist nicht das Anliegen des 1964 geborenen Künstlers. Loebermanns zarte, mitunter informell zu nennenden Grisaillen, das sind vielmehr von sanfter Melancholie grundierte, Zeichner wie Betrachter gleichermaßen zur Teilhabe einladende Meditationen.

Christoph Schütte


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2015, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 39
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