Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2015, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 50


Das Leuchten der Bilder
Japanisches in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller

"Jedes Mal wenn ich den Ofen befeuere, werde ich mir bewusst, dass ich ein Teil der Natur bin; ein kleiner Teil nur der Natur." Vermutlich ist es diese Haltung, die in diesen Worten nur angedeutete Philosophie, die aus den Keramiken Yasuhisa Kohyamas autonome Skulpturen macht. Zwar erinnern die Arbeiten des 1936 geborenen Künstlers, die nun erstmals in Deutschland in der ganz der japanischen Kunst verpflichteten Frankfurter Galerie Friedrich Müller zu entdecken sind, auf den ersten Blick an kunstvoll gestaltete Objekte des täglichen Gebrauchs. An Vasen etwa oder Teegefäße
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Und in der Tat sind die traditionellen Verfahren der Keramikherstellung - das Befeuern des Ofens, das klassische, eine Woche währende Holzbrandverfahren und die sich anschließenden Tage des Abkühlens - für sein Werk konstitutiv. Doch die Auseinandersetzung mit architektonischen wie skulpturalen Formen, wiederkehrende Titel wie "Kaze" (Wind), das Interesse am Material, an Oberflächen und subtilem Farbspiel machen deutlich, dass Kohyama sein Werk zwar als Teil einer jahrhundertealten Kultur begreift, seine Kunst aber im Hier und Jetzt ihren Raum hat. Für die Malerei Yuko Sakurais, die parallel dazu im ersten Stock der Galerie zu sehen ist, kann es da ohnehin keinen Zweifel geben. Dabei sind die gelegentlich auf Holz, meist aber auf japanischem Papier ausgeführten Werke der 1970 geborenen Künstlerin Resultat eines langen, intensiven künstlerischen Prozesses.

Das Reisen, so die in Paris lebende Künstlerin, sei "wesentlich für mein Leben". Vor allem aber, so legen es die meist nach Orten betitelten Arbeiten wie "Montrouge" oder "La route forestière de Rome" nahe, ist das Reisen essentiell für ihre Malerei. Scheint ihren - von der Künstlerin selbst als "Objekte" bezeichneten - Bildern doch die Atmosphäre der Natur, der Jahreszeiten, die Begegnung mit all den Städten und Landschaften im Lauf des künstlerischen Prozesses buchstäblich eingeschrieben. Schicht um Schicht trägt die Künstlerin die Farbe meist mit dem Spachtel auf, fährt mitunter mit dem Rakel darüber und gelangt so, ähnlich wie etwa Gerhard Richter mit seinen abstrakten Bildern, zu Kompositionen mit Brüchen und immer wieder überraschenden Ein- und Durchblicken.

Freilich mit ungleich subtilerer Wirkung und in durchweg bescheidenem Format. Wirken Sakurais Arbeiten doch zunächst fast ausnahmslos monochrom und geben die ungeheure Fülle an Farben und Strukturen, die bezaubernde Spannung des immerwährenden Auftragens, Wegnehmens und Übermalens, von Dichte und Transparenz, Tiefe und Oberfläche erst bei genauerer Betrachtung preis. Mehr noch, bei einer ganzen Reihe dieser Arbeiten, bei "Fevrier/Paris 2" etwa, angesichts von "Kagamigawa 2" oder "Fleury la Forêt", ist man beinahe versucht, den so stillen intensiven Werken die Anmutung von Ikonen zuzusprechen.

Als dränge vom tiefsten Bildgrund das Wesen eines jeden dieser ganz und gar abstrakten Bilder gerade jetzt als ein hier sanft glimmendes, dort strahlendes Leuchten an die Oberfläche wie eine ferne Erinnerung. Dem Form zu geben, darum geht es Sakurai. Jedes der handgeschöpften Blätter ein Bild gewordener, der Zeit und dem Vergessen abgetrotzter Augenblick. Wo es gelingt, rührt einen diese Kunst auf hier Staunen machende, dort zärtlich melancholische Weise an. Reine Poesie.

Christoph Schütte


Die Arbeiten Yuko Sakurais in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, sind bis 28. November, die Keramiken Yasuhisa Kohyamas bis 5. Dezember dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

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